IT in der Klinik
Die Informationsverarbeitung für Kliniken steht vor großen Herausforderungen. Neue Geschäftsmodelle, integrative Systeme und gezielte IT-Strategien sind gefragt, um Krankenhäuser den entscheidenden Schritt nach vorne zu bringen. Sichere und effiziente Lösungen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Die Informationsverarbeitung in Krankenhäusern hat eine lange wechselvolle Geschichte hinter sich. Vor dem Hintergrund neuer Gesetze, Gesundheitsreformen und technologischer Entwicklungen haben sich Anforderungen, eingesetzte Systeme, unterstützte Prozesse, aber auch die interne Organisation dieser Informationsverarbeitung in mehreren Innovationsschüben entwickelt. Zurzeit stehen wir erneut an einer solchen Schwelle, die den nächsten großen Schritt bedeutet. Die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist zum strategischen Wettbewerbsfaktor geworden. Mit Telemedizin und Telematik entwickeln sich neue Märkte, in denen Krankenhäuser mitspielen, und der immer stärker mit finanziellen Anreizen versehene Trend zur „integrierten Versorgung“ setzt sich durch. In diesem Beitrag sollen die wesentlichen Innovationstreiber, die neuen Anforderungen an IT und die Konsequenzen für die interne Organisation und Ausstattung beleuchtet werden.
Erste EDV-Systeme im Krankenhaus
Mit Einführung der kaufmännischen Buchhaltung in den frühen 1970er Jahren hielten zunächst die administrativen Systeme Einzug in die Krankenhäuser. Lohnabrechnung, Finanzbuchhaltung und stationäre Abrechnung waren die wesentlichen Anwendungen. Als nicht zeitkritische Programme mit einem relativ kleinen EDV-affinen Nutzerkreis liefen diese oft in Rechenzentren auf entsprechenden Großrechnern. Es entstanden die ersten „Krankenhausinformationssysteme“ (KIS) als speziell auf das Krankenhaus ausgerichtete ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning, bezeichnet Anwendungssoftware zur Unterstützung der Ressourcenplanung eines Unternehmens) ohne Einbeziehung medizinischer oder pflegerischer Prozesse.
Autonome Abteilungssysteme
In der nächsten Phase, beginnend Anfang der 1990er Jahre, etablierten sich zunehmend autonome Abteilungssysteme. Die Treiber dieser Innovation waren zum einen erweiterte Dokumentationsanforderungen. So wurde zum Beispiel die Abgabe von Daten an die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) zur Qualitätssicherung von Operationen sukzessive ausgeweitet bis zur bundesweiten Vereinheitlichung 2001. Abrechnungsseitig wurden Fallpauschalen und Sonderentgelte eingeführt. Beide Entwicklungen forcierten den Einsatz von OP-Dokumentationssystemen. Ein weiterer Treiber für Abteilungssysteme war die Medizintechnik. In ohnehin hoch technisierten Abteilungen des Krankenhauses wie dem Labor oder der Radiologie setzten sich Systeme durch, die direkt an die entsprechenden Geräte angekoppelt waren und für eine Weiterverarbeitung der Daten oder Steuerung dieser Geräte sorgten.
Krankenhausinformationssysteme
Mit Beginn des neuen Jahrtausends und der Einführung der diagnosebezogenen Fallgruppen (DRGs), die eine dezentrale Erfassung medizinischer Daten wie Diagnosen unumgänglich machten, etablierten sich die heute im Einsatz befindlichen Krankenhausinformationssysteme in der Breite. Bereits in den 1990er Jahren wuchsen diese Systeme um Module, die den medizinischen und pflegerischen Bereich unterstützen sollten, wie zum Beispiel OP-Management, Stationsarbeitsplatz, Arztbriefschreibung und elektronische Patientenakte. Mit diesen Modulen veränderten sich plötzlich sowohl der Unterstützungsbedarf durch die IT-Abteilung als auch der Anwenderkreis drastisch. Jede Pflegekraft, jeder Arzt sollte mit IT umgehen, der Behandlungsprozess sollte unterstützt und die elektronische Akte eingeführt werden. In dieser Phase uferten aufgrund der Tatsache, dass weder IT-Abteilung noch KIS-Hersteller sich auf diese Veränderungen adäquat vorbereitet hatten, zahlreiche Projekte sowohl hinsichtlich der Ressourcen als auch des zeitlichen Umfangs aus.
Aktuelle Anforderungen
Heute stehen die meisten Krankenhäuser bei den Krankenhausinformationssystemen an einem Punkt, an dem man sagen könnte: „lessons learned“. Die überzogene Erwartung, mit Einführung eines KIS habe man plötzlich alle Prozesse im Griff, ist einem gesunden Realismus gewichen, und Module werden in der Regel vor Einführung sorgfältig auf den erwarteten Nutzen hin geprüft. Die IT-Abteilungen wurden häufig ergänzt um pflegerisch oder medizinisch ausgebildete Kräfte und so die Distanz zu den Anwendern verringert. Wie eine kürzlich unter Federführung der FH Dortmund durchgeführte Studie zeigt, gibt es in den meisten Häusern auch eine IT-Strategie sowie deutlich erhöhte Budgets. Im Wesentlichen resultieren die heutigen Anforderungen, die die nächste Evaluationsstufe für die Krankenhaus-IT fordert, aus zwei Bereichen:
- Optimierung bestehender Geschäftsfelder und
- Etablierung neuer Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle
Optimierung bestehender Geschäftsfelder
Das Hauptgeschäft der Krankenhäuser ist nach wie vor die stationäre Behandlung von Patienten. Mit Einführung der DRGs und dem Ende der Konvergenzphase hat sich hier die Situation verschärft. Trotz jahrelanger Diskussionen um das Thema Optimierung des Behandlungsprozesses, Standardisierung, klinische Pfade – egal mit welcher Begrifflichkeit man es belegt – sind die meisten Häuser bislang noch keineswegs an dem Punkt, diese Optimierung geschafft zu haben. Hier ist die gezielte Informationsverarbeitung und -präsentation ein entscheidender Faktor. Solange Termine und Ressourcen nicht zentral verwaltet werden und für alle einsehbar sind, solange die zentralen Informationen sich noch auf Papier befinden und nicht elektronisch und für alle Berechtigten am Krankenbett zur Verfügung stehen, ist eine Optimierung immer nur partiell möglich. Was an dieser Stelle ebenfalls fehlt, sind Best Practices, das heißt Musterlösungen, damit nicht jedes Krankenhaus von vorn beginnen muss. Zu diesem Zweck wird unter der Federführung der FH Dortmund zurzeit eine Benchmark-Gruppe von Krankenhäusern aufgebaut, die regelmäßig befragt werden. Um den entscheidenden Schritt nach vorn zu machen, sind allerdings auch die Anbieter von KIS gefragt, die ihre Systeme leider oft immer noch am tatsächlichen Bedarf vorbei entwickeln und vor allem neue Formen der User-Interaktion noch viel zu wenig nutzen.
Etablierung neuer Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle
Nahezu alle Krankenhäuser engagieren sich heute in Projekten der Integrierten Versorgung, allerdings mit höchst unterschiedlichem Erfolg und divergierenden Konzepten. Mit der Ansiedlung von Ärztehäusern, Gründung von MVZs und der Partizipation in Netzen aller Art wird der ambulante Sektor gestärkt und versucht, eine Einweiserbindung zu schaffen.Telemedizinische Projekte sprießen aus dem Boden und Zentren werden etabliert, in denen krankheitsbezogen intersektoral kooperiert wird. Fragt man in der Mehrzahl dieser Projekte nach der adäquaten Unterstützung durch IT, ist oft Schweigen die Antwort. Verschiedene Anbieter von Krankenhausinformations- und Praxissystemen sowie unterschiedliche Ansätze übergreifender Patientenakten erschweren hier das Vorankommen ebenso wie unklare Geschäftsmodelle, in denen zentrale Fragen nicht geregelt sind, zum Beispiel welcher Partner wo investiert und profitiert.
Dabei kann gerade hier IT ein echter Wettbewerbsvorteil sein: Telemedizinische Projekte, die prozessural und technologisch gut in bestehende Abläufe integriert sind, sind deutlich erfolgreicher als Insellösungen. Ein am Krankenhaus angesiedeltes MVZ mit integrierter IT-Struktur, die Informationen transparent macht, kann erheblich besser mit dem Krankenhaus kooperieren und wirtschaftlicher arbeiten. Die Vision liegt hier in über das Internet sicher miteinander vernetzten Systemen, die integrativ miteinander agieren. Beispielhaft zeigt diesen Ansatz das Portal, das im Rahmen des aktuellen Forschungsprojekts „Geriatrie online“ entwickelt wird.
Wettbewerbsvorteil IT
Dieses Potenzial zu heben und somit Informationstechnologie als strategischen Wettbewerbsvorteil zu sehen und zu nutzen, ist die eigentliche Herausforderung für die nächsten Jahre. Dafür braucht es einen anderen Stellenwert der IT im Krankenhaus. Strategische Entscheidungen dürfen nicht ohne Blick auf die IT getroffen werden, ein CIO (Chief Information Officer) gehört in die Leitungsebene eines Klinikums und eine IT-Strategie darf nicht mehr länger ein Papiertiger sein, der in der Schublade liegt. Personell sind hier gut ausgebildete Informatiker gefragt, die nicht nur das technologische Know-how mitbringen, sondern auch analytische und systematische Fähigkeiten haben, um die Anforderungen der neuen Geschäftsfelder richtig zu verstehen. Aber auch die Anbieter von Krankenhaus-IT haben hier eine wichtige Aufgabe. Die „closed shops“, als die sich die monolithischen Systeme lange verkauft haben, müssen der Vergangenheit angehören. Moderne serviceorientierte Systeme sind nach außen hin offen und in der Lage, Daten auszutauschen und Prozessschritte zu vollziehen, also integrativ mit anderen Systemen nach bestimmten Regeln zusammenzuarbeiten statt nur Daten hin und her zu schieben. Erst wenn dieser Schritt gelingt, ist die nächste Stufe der Innovation vollbracht.
Autorin: Prof. Dr. Britta Böckmann
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