Digitale Spracherkennung
Spracherkennung galt lange als eine Domäne der Radiologie, allenfalls noch der Pathologie. Doch die Zeiten ändern sich. Klinikweite Installationen werden häufiger – auch im deutschsprachigen Raum. Parallel dazu rüsten Hersteller und Softwarefirmen technisch auf, um die Nutzung so intuitiv und komfortabel wie möglich zu machen. Der wichtigste Erfolgsfaktor bleibt aber die Umsetzung.
Wer Andreas Kaysler, IT-Leiter bei der Augusta-Krankenanstalt Bochum, nach seinen Erfahrungen bei der Einführung einer über drei Standorte verteilten Plattform für Spracherkennung mit insgesamt 350 Nutzern fragt, erhält eine verblüffende Antwort. Die wesentlichen Arbeiten seien bei der Installation der Lösung Nuance Speech Magic Solution Builder 2 innerhalb eines Tages bewältigt worden. „Es gibt da nichts, was ich im Nachhinein anders machen würde“, so Kaysler. Sicher, die einzelnen Abteilungen des Krankenhauses hatten bereits vorher Spracherkennung eingesetzt, teilweise schon seit dem Jahr 2003. Es handelte sich also streng genommen um eine Konsolidierung vorhandener Inseln auf Basis einer neuen, einheitlichen Software. Dennoch: Ein Tag Arbeit ist nicht zu viel für 350 Anwender an drei Standorten. „Spracherkennung ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken“, so Kaysler.
Am Ende mehr Zeit für den Patienten
Auch am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) sind die Erfahrungen mit dieser Technologie äußerst positiv. Dort ist seit 2006 die Spracherkennung von 4voice in der Version 2 mit dem Grundgerüst Dragon Naturally Speaking in der Version 9 im Einsatz. „Primär handelte es sich um ein Pilotprojekt in der Unfallchirurgie. Mittlerweile wird das System von 40 Ärzten in der Neurologie und in der Inneren Klinik aktiv und täglich genutzt“, sagt Norman Bürger, Multiprojektmanager in der Stabsstelle für Informationssysteme am ukb.
Einer der Gründe für die Einführung von Spracherkennung in den genannten Abteilungen war die dort bei knappem Personal als zeitaufwendig empfundene Dokumentation im KIS. „Wir haben versucht, diese aufwendigen Prozesse zu optimieren, um am Ende mehr Zeit für den Patienten zu haben“, so Bürger. Das gelang: Zwar wurden keine statistischen Auswertungen im Sinne von Vorher-Nachher-Analysen gemacht. „Wir haben die Verbesserung der Abläufe aber im direkten Gespräch mit den Anwendern verifiziert“, so Bürger.
Kein Selbstläufer
Auch wenn die Bochumer und die Berliner Erfahrungen durchweg positiv sind: Ein Selbstläufer ist die Einführung von Spracherkennung deswegen noch lange nicht. „Entscheidend ist es, sich vor der Installation einen möglichst genauen Überblick über die Prozesse in dem betreffenden Klinikum zu verschaffen und diese Prozesse womöglich zu verschlanken“, betont Susanne Beckmann, Bereichsleiterin Medizinischer Schreibdienst bei dem Unternehmen Coavia. Das kann durchaus Arbeit bedeuten: Drei bis sechs Monate sollte ein Krankenhaus mit 500 Betten dafür schon einplanen, so die Beraterin. Die Installation der Software könne dabei allerdings überlappend vorgenommen werden.
Nicht selten sind Klinikangestellte am Ende überrascht, wie umständlich an sich einfache Prozesse im real existierenden Krankenhausalltag sind: „Wir hatten Kunden, bei denen waren zwischen der Erstellung eines Arztbriefes und der Archivierung sage und schreibe 47 Prozessschritte nötig“, so Beckmann. So etwas gilt es, einzudampfen, bevor die IT zu ihrem Recht kommt. Dass Prozessoptimierung in Krankenhäusern sehr oft bei der Arztbriefschreibung beginnt, ist nicht weiter verwunderlich. Denn zusätzlich zu seiner Funktion als Informationsmedium für Kollegen ist der Arztbrief im modernen Krankenhaus oft auch Grundlage für die Abrechnung. Schnelle Verfügbarkeit bedeutet dabei bares Geld.
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Es ergibt sich hierbei allerdings ein Problem der praktischen Bedienung: In aller Regel sollen Arztbriefe schnell und fehlerfrei geschrieben und daraufhin freigegeben werden. Nimmt man aber andere Dokumenttypen her, so z. B. gutachterliche Texte, die je nach "Sprach- und Sprechgewalt" des Diktierenden 20 bis 30 Seiten (DIN-A4) lang sind und ca. 30 min reine Diktatzeit enthalten, kommt es sehr auf die genaue Aussprache und wiederkehrende Wortwahl des Diktierenden an. Bei schnellem, routiniertem Sprechen und insbesondere im Kontext der Notwendigkeit, immer wieder neue, nicht "mentalen Textbausteinen" entsprechende Texte zu diktieren, ist die Nachbearbeitungszeit auch für den Routinierten und Geübten nicht unbeträchtlich.
Durch den Shift in der technischen Verfahrensweise der digitalen Sprachverarbeitung ist in den letzten 10 Jahren eine signifikante Verbesserung deren Leistungsfähigkeit und insbesondere auch Schnelligkeit eingetreten.
Dennoch darf der Aufwand, ein System auf den eigenen Diktierusus in Abhängigkeit von der jeweiligen Diktieraufgabe optimal einzustellen, nicht unterschätzt werden.
Geht es also wie beschrieben wie im Gutachtenwesen nach der Formel "Zeit ist Geld", sind die bisherigen Lösungen nach Untersuchungen unserer Firma in mehreren klinischen Settings hinsichtlich des vorgenannten Aufwandes noch verbesserungsfähig.
Dr. M. Mohr
Comment: 2010-07-20