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08.03.10

Diabetes

Diabeteserkrankungen nehmen weltweit stark zu. Die Kosten für die Gesundheitssysteme sind vor allem wegen der mannigfachen Langzeitkomplikationen erheblich. Telemonitoring bei Diabetes kann dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern. Und das birgt einiges Potenzial zur Kostenreduzierung, wie erste Untersuchungen zeigen.



Vergessen Sie die Schweinegrippe! Es gibt eine Krankheit, die viel schlimmer ist und sich ebenfalls epidemisch ausbreitet – Diabetes mellitus. Inzwischen ist sie zu einer weltweiten Massenerkrankung geworden, die International Diabetes Federation (IDF) bezeichnet sie als die große Epidemie des 21. Jahrhunderts. Die weltweiten Erkrankungszahlen steigen so rasch an, dass die Vorhersageschätzungen immer wieder nach oben revidiert werden. Bereits im Jahr 2006 ging die IDF von 246 Millionen Diabetikern in der ganzen Welt aus, das entspricht sechs Prozent der Weltbevölkerung. Allein in Deutschland leiden schätzungsweise acht Millionen Menschen an einem Typ-2-Diabetes. Experten gehen darüber hinaus von einer hohen Dunkelziffer aus. Hinzu kommen 55 0000 Menschen, die an Typ-1-Diabetes erkrankt sind.

 

Einsparpotentiale durch Telemedizin

Die Kosten, die diese Krankheit für das Gesundheitssystem verursacht, sind enorm: Diabetes kostet das deutsche Gesundheitswesen jährlich über 30 Milliarden Euro – mit steigender Tendenz. Kein Wunder, dass ein großes Interesse an Einsparmaßnahmen besteht. Hier könnte die Telemedizin eine wichtige Rolle spielen. So legte der Verband Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE) schon zur letzten TeleHealth das VDE-Positionspapier „TeleMonitoring zur Prävention von Diabetes-Erkrankungen“ vor. Darin geht der Verband davon aus, dass sich durch den konsequenten Einsatz von Telemonitoring in der Diabetesbehandlung ein Milliardenbetrag einsparen ließe. Trotz geringeren Aufwands würde sich die gesundheitliche Verfassung der Kranken verbessern sowie die Zahl der Neu- und Folgeerkrankungen verringern.


Zuckerkranke haben ein erhöhtes Risiko für zahlreiche kostenintensive Leiden. Beispielsweise ist das Herzinfarktrisiko bei Diabetikern gegenüber Nichtdiabetikern um das 2,5-Fache und das Re-Infarktrisiko sogar um das 5,7-Fache erhöht. Abhilfe gegen schlechte Lebensbedingungen und hohe Kosten versprechen intelligente Assistenzsys­teme wie das Telemonitoring, heißt es in dem VDE-Positionspapier. 

 

Dass sich durch den Einsatz von Telemedizin in der Diabetestherapie Geld einsparen lassen könnte, ist keine neue Vermutung. Auch die Krankenkassen räumen der Telemedizin dahingehend ein großes Potenzial ein. „Wir glauben, dass die Telemedizin in der Diabetesbehandlung an Bedeutung gewinnen wird, weil sich der Diabetes, wie jede medizinische Langzeiterkrankung, telemedizinisch gut überwachen lässt“, sagt Frank Meiners, stellvertretender Pressesprecher der DAK. „Derzeit gibt es aber für solche Lösungen noch keine flächende­ckenden Verträge, sondern nur Einzelverträge. Das Problem dabei sind die Unterschiede in den Ver­gütungsvorstellungen zwischen den Anbietern und den Krankenkassen.“ Ein weiteres Problem aus Kassensicht besteht darin, dass es speziell beim Diabetes lange keine aussagekräftigen Studien darüber gab, in welchem Umfang Telemedizin Kosten reduzieren kann. Hier verbessert sich die Studiensituation allerdings im Moment.

 

Untersuchung zur Kostenevaluation an der Charité Berlin

Ein Beispiel dafür ist ein Schritt, den das Unternehmen SHL unternommen hat. Es ließ Gesundheitsökonomen des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Ge­sundheitsökonomie der Charité Krankenkassendaten in Bezug auf die Auswirkungen einer telemedizinischen Betreuung auf die direkten Krank­heitskosten bei Diabetikern auswerten. Prof. Stefan Willich, Lehrstuhlinhaber des Instituts, stellte die Daten bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin im November 2009 in Berlin vor. „Wichtig ist aber zu beachten, dass es sich bei den vorgestellten Daten um vorläufige Teilergebnisse handelt“, betont Dr. Thomas Reinhold. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité und hat bei der Auswertung der Daten mitgeholfen. Die endgültigen Zahlen sollen im Laufe dieses Jahres vorliegen.

 

Die auf der Tagung präsentierten Ergebnisse bezogen sich auf die Krankenhauskosten bei 369 Patienten mit Typ-2-Diabetes der BKK Gesundheit, die sich für das telemedizinische Versorgungsprogramm Diabetiva von SHL eingeschrieben hatten. Als Vergleich dienten die Versichertendaten von 369 Typ-2-Diabetikern ohne telemedizinische Intervention. „Wir haben die passenden Matchingpartner nach Alter, Geschlecht und Summe der kardialen Nebendiagnosen zufällig herausgesucht, damit man die Daten im Rahmen einer retrospektiven gesundheitsökonomischen Analyse vergleichen kann“, berichtet Reinhold. „Bislang haben wir nur die stationären Abrechnungsdaten analysiert, die Effekte in anderen Leis­tungsbereichen des Gesundheitswesens sind Gegenstand der weiteren geplanten Auswertungen“, so Reinhold. Die Teilnehmer wurden nach drei und sechs Monaten telefonisch befragt und folgende Daten erhoben: Körpergewicht, Body-Mass-Index, HbA1c-Wert, Blutdruck, Nüchtern- und postprandialer Blutzucker und Fragebögen zur Therapiezufriedenheit und Lebensqualität.


Das Diabetiva-Programm besteht aus mehreren Teilen: Ein wichtiger Teil ist die tägliche Messung der Vitalwerte wie Blutzucker und Blutdruck, die an eine zentrale Patientenakte übermittelt werden. Auf die Akte haben die Mitarbeiter eines medizinischen Callcenters Zugriff und können sie bei Bedarf abrufen. Der behandelnde Arzt erhält alle sechs Wochen einen Blutzucker-Bericht. Außerdem erfolgen regelmäßig Anrufe durch eine individuell zugeteilte Krankenschwester. Sollte der Patient darüber hinausgehenden Beratungsbedarf haben, kann er 24 Stunden am Tag eine telemedizinische Beratung in Anspruch nehmen. Schließlich gibt es auch noch Patientenschulungen. 

 

Vielversprechende Ergebnisse

Dieses Maßnahmenpaket scheint seinen Zweck zu erfüllen: „Wir fanden heraus, dass die Zahl der Klinikaufenthalte während der telemedizinischen Betreuung in der Interventionsgruppe niedriger war als bei den Patienten der Kontrollgruppe“, erklärt Reinhold. Mit so einem deutlichen Ergebnis habe er zuvor nicht gerechnet. Das hatte auch Auswirkungen auf die Kosten: Ein Patient der Telemedizin-Interventionsgruppe verursachte während der mittleren Betreuungsdauer von zwei Jahren im Versorgungsprogramm Diabetiva Krankenhauskosten von jährlich etwa rund 8000 Euro. Im gleichen Zeitraum lagen die stationären Behandlungskos­ten der Vergleichspatienten mit etwa 13 000 Euro statistisch signifikant höher. Zu Studienbeginn betrugen die Kos­ten in der Interventionsgruppe etwa 11 000 Euro pro Jahr, in der Kontrollgruppe 7 000 Euro pro Jahr. Während es in der Interventionsgruppe also zu einer Abnahme der Kosten kam, stiegen sie in der Kontrollgruppe an. Im Mittel waren die Patienten in dieser Studie 750 Tage in telemedizinischer Betreuung. Die Kosten für die telemedizinische Intervention wurden in die Auswertung bisher nicht eingerechnet. 

 

Die Ergebnisse klingen vielversprechend, auch wenn es sich bei der Untersuchung um eine retrospektive Studie handelt. „Auch sind die Krankenkassendaten, die wir erhalten haben, in erster Linie Abrechnungsdaten, die nicht primär für eine wissenschaftliche Auswertung erhoben wurden. Schöner ist es natürlich, wenn man eine Studie von Beginn an auch für die Beantwortung gesundheitsökonomischer Fragestellungen konzipiert“, gibt Reinhold zu bedenken. „Ich bin sehr gespannt, ob sich ein ähnlicher ökonomischer Nutzen der telemedizinischen Betreuung auch in anderen Ausgabenbereichen, wie beispielsweise den Arzneimittelausgaben zeigt.“ Aber er hofft, mit den vorgelegten Daten auch schon zum jetzigen Zeitpunkt ein wenig Pionierarbeit geleistet zu haben und andere zu motivieren, weitere, umfassen­dere Studien vorzulegen. 

 

Deutschlandweite Langzeitstudie ist gestartet worden

Reinholds Wunsch dürfte bald in Erfüllung gehen. Im Sommer letzten Jahres teilte die Firma BodyTel der BodyTel Europe GmbH mit, dass sie der Gesundheitsregion Carus Consilium Sachsen (CCS) beigetreten ist. Die gleichnamige Managementgesellschaft des Gesundheitsnetzwerkes, die Carus Consilium Sachsen GmbH, wird partnerschaftlich mit der BodyTel Europe GmbH im Rahmen des Schwerpunktprojektes Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine deutschlandweite Versorgungsstudie durchführen. „Seit Januar werden aktiv Patienten akquiriert“, berichtet Stefan Schraps, Geschäftsführer von BodyTel. In der Studie möchten CCS und BodyTel bis zu 15 000 Diabetes-Betroffene befragen, um dadurch Erkenntnisse über Akzeptanz und Effekte eines telemedizinischen Monitoring- und Management-Sys­tems zu gewinnen. 

 

Das wäre eine der ersten groß angelegten Studien zu dem Thema, und die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. „Die Ankündigung der Langzeitstudie ist gerade in der Industrie auf großes Interesse gestoßen. Kein Wunder, denn die Ergebnisse helfen allen Anbietern, Finanzierungsmodelle bei den Krankenkassen zu erhalten“, so Schraps. Die Patientenakquise erfolgt über ein Diabetesnetzwerk des CCS, in dem Anbieter und Vertreter aus Forschung, Krankenversorgung, Gesundheitsversorgung, Patientenvertretung sowie Wirtschaft und Politik zusammenarbeiten. Das Netzwerk will daran arbeiten, die Versorgungsqualität in Sachsen zu verbessern und entwickelt Pilotprojekte als Muster für weitere Regionen in Deutschland. Man konnte zahlreiche Interessenten aus rund 50 Institutionen für eine Zusammenarbeit gewinnen, darunter regionale Krankenhäuser, niedergelassene Haus- und Fachärzte, Experten der TU Dresden und der Dresdner International University sowie medizintechnische Anbieter wie BodyTel.

 

Ziel des Schwerpunktprojektes Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen des Carus Consilium Sachsen ist es, verschiedene Akteure zu vernetzen. Außerdem sollen so leitliniengerechte Therapien optimal umgesetzt und eine effektive und kosteneffiziente Versorgung von Menschen mit einer Diabeteserkrankung gewährleistet werden. Das CCS-Netzwerk soll den Transfer von innovativen, qualitäts- und effizienzfördernden Lösungen in die Diabetikerversorgung beschleunigen. Daher will man nun im Rahmen einer deutschlandweiten Versorgungsstudie für die Nutzer des Blutzucker-Monitoring- und Diabetes-Management-Sys­tems GlucoTel untersuchen, wie diese im Zusammenhang mit ihrem individuellen Gesundheitszustand Leistungen des Gesundheitswesens in Anspruch nehmen und inwieweit sich das auf die Patientenzufriedenheit und -bindung auswirkt.

 

Geplant ist, die Studie über zehn bis 15 Jahre laufen zu lassen. Dabei sollen die Patienten alle sechs Monate befragt werden, sodass man schon nach den ersten ein bis zwei Jahren die ersten Zwischenergebnisse auswerten kann. Auch international wächst das Interesse an der Diabetes-Telemedizin. Die IDEATel-Studie, eine randomisiert-kontrollierte Studie zur Telemedizin bei 1 665 Diabetes-Patienten, hat gerade das 5-Jahres-Follow-up absolviert. Die Ergebnisse sehen gut aus: Telemonitoring, ergänzt um ein Case Management, führt zu signifikanten Verbesserungen beim HbA1c, beim LDL-Wert und beim Blutdruck. Beste Voraussetzungen dafür, dass auch Langzeitkomplikationen reduziert werden.

 

Autorin: Miriam Mirza









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