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29.05.11

Baustelle Gesundheitstelematik

Im letzten Jahr haben Dr. Goetz und Prof. Haas die Gründung eines „Bundesinstituts für Gesundheitstelematik“ angeregt („Patient Telematik“, Ausg. 4/2010). Nun wagen Reinhold Mainz und Dr. Karl A. Stroetmann mit Blick auf internationale und deutsche eHealth Entwicklungen eine Analyse und leiten daraus Vorschläge ab.



eHealth-Lösungen bieten lediglich eine Chance für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung, sie produzieren nicht per se Vorteile. Dies bedeutet, dass IKT-gestützte Lösungen einem gesundheitspolitischen oder betriebswirtschaftlichen Ziel dienen müssen. 

 

Andernfalls führt eHealth zu Minderwert, wenn suboptimale Versor­gungsstrukturen zementiert oder Abläufe so gestaltet werden, dass Nutzer in ihrer Arbeit behindert werden. Erinnert sei an die Fehlschläge des „Connecting for Health Programme“ des englischen Gesundheitssystems oder den Neuanfang für das „Dossier Médical Personnel (DMP)“ in Frankreich. Fast alle der weltweit durchgeführten Telemedizinexperimente fallen in diese Kategorie der Erzeugung eines Minderwerts. Wenn nicht endlich aus diesen Experimenten gelernt wird, bleibt die Gefahr, dass der Einsatz von IKT zum Nutzen der Gesundheitssysteme noch mehr in Misskredit gerät.

 

 Paradigmenwechsel ist erforderlich

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre führen zu der These, dass eHealth so lange keinen Mehrwert in der Breite erbringen wird, wie es nicht gelingt, das Gesundheitssystem und seine Teilsysteme in seinen Strukturen und Prozessen weiterzuentwickeln. Ein Paradigmenwechsel ist in zwei Richtungen unumgänglich: Umgestaltung des Gesundheitssystems hin zu einer ganzheitlichen Erbringung von Gesundheitsleis­tungen im Sinne einer umfassenden integrierten Versorgung sowie Ausrichtung aller Dienstleistungen auf den mündigen Bürger, das heißt Patientenzentrierung und Einbindung in die Therapie, wenn und soweit sinnvoll möglich.

 

Dies bedeutet die Aufgabe eines Systems, welches primär auf isoliert am jeweiligen Patienten handelnde Akteure ausgerichtet ist, hin zu einem System (virtueller) Teamarbeit. eHealth-Lösungen erlauben die jederzeitige Verfügbarkeit des Behandlungsplanes und -ablaufes sowie aktueller Diagnose- und Therapieergebnisse. Erst dadurch wird eine effiziente, nahtlose Kooperation möglich. Alle können, je nach Berechtigung, auf die zweckbezogen aufbereiteten Informationen zugreifen. Medizinische Ergebnis-, Service- und Prozessqualität können gemessen werden, jeder kann sich selbst mit anderen in anonymisierten Statistiken vergleichen und daraus lernen. Entscheidungsunterstützung kann hoch selektiv zur Verfügung gestellt werden.

 

Unterstützung des Behandlungsprozesses

Das zukunftsträchtige eHealth-Paradigma ist nicht die elektronische Gesundheitsakte, sondern die patientenzentrierte, wissensgestützte Behandlungsprozess­unterstützung. Bei intelligent gestaffelten Fallpauschalen orientiert am Mehrwert würden sich zum Beispiel wirklich effiziente Telemedizin-Anwendungen ganz von alleine durchsetzen, eine gesonderte Abrechnung würde sich erübrigen. Um den gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu optimieren, müssen unter Umständen betriebswirtschaftliche Nachteile für einzelne Akteure ausgeglichen werden.

 

Internationale Erfahrungen
Unsere Gesundheits-Systeme haben sich zu hochkomplexen, adaptiven Systemen entwickelt, bei denen nahezu jeder Eingriff zu unerwünschten, nicht vorhersehbaren (Neben-)Wirkungen führt. Die internationale Erfahrung zeigt, dass dort, wo gesundheitspolitische Ziele die Richtung vorgeben und professionelle Nutzer, wie Krankenschwestern und Ärzte, bereits bei der Konzipierung von eHealth-Systemen eine zentrale Rolle übernehmen, der Erfolg wahrscheinlicher ist. Vor staatlichen Eingriffen sollte eine Regulierungsfolgenabschätzung durchgeführt werden.

 

Zentral oder dezentral - oder beides?

Öffentliche Infrastruktur- und Architekturvorgaben sind unabdingbar. Darüber hinaus sollte jedoch jegliche zentralistische Tendenz mit Zurückhaltung verfolgt werden. In einem dezentral organisierten Gesundheitssystem wird ein Top-down-Ansatz, der nicht auf regional vorhandenen Strukturen aufbaut, zum Scheitern verurteilt sein. Allerdings führt auch ein Bottom-up-Ansatz nicht zu einem raschen Ergebnis, da die notwendigen Standards sowie Infrastrukturkomponenten wegen Marktversagens zentral vorgegeben werden müssen. 









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