Technik in der ambulanten Pflege: Nach AGNES kommt jetzt JUTTA
Das vom Bundesforschungsministerium geförderte Modellprojekt „JUsT-in-Time-Assistance“, kurz JUTTA, will untersuchen, wie Technik in der ambulanten Pflege sinnvoll eingesetzt werden kann, um die Kompetenzen der Bewohner zu erhalten und zu fördern.
Hin und wieder vergisst Elisabeth Reuters (Name geändert), den Herd abzustellen. Wenn sie nachts auf die Toilette muss, kann sie den Lichtschalter nicht finden. Auch weiß die 85-Jährige oft nicht mehr, wie alt sie ist. Die ältere Dame leidet an Demenz – einer Krankheit, die sich nicht nur durch zunehmende Vergesslichkeit, sondern auch durch Orientierungslosigkeit äußert, die zu gefährlichen Stürzen führen kann.
Trotz dieser Probleme lebt Elisabeth Reuters nicht in einem Pflegeheim sondern in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenzerkrankung, die ambulant betreut wird. Die WG ist eine Modelleinrichtung der ALPHA gGmbH, einer Tochter des Sozialwerks St. Georg. „Unser Grundsatz lautet ‚ambulant vor stationär’“, betont Vorstandssprecher Dieter Czogalla. „Wir möchten dafür sorgen, dass ältere Menschen länger selbstbestimmt leben können.“
Ein Ziel, das auch die Duisburger Wohngemeinschaft verfolgt. Das Besondere an dieser WG: Menschliche Betreuung und technische Unterstützungsleistungen gehen hier erstmals Hand in Hand. So gibt es zum Beispiel eine automatische Herdabschaltung oder Notrufsignale an den Türen, die die Mitarbeitenden über Telefon informieren, wenn einer der Bewohner plötzlich das Haus verlässt. „Durch die ambulante Betreuung können wir die Kompetenzen der Bewohnerinnen und Bewohner erhalten und fördern.“ erklärt ALPHA-Prokuristin Heike Perszewski
Wie Personal und Bewohner mit der technischen Unterstützung im Alltag zurecht kommen, ist für das Sozialwerk St. Georg auch ein wichtiges Untersuchungsfeld: Gemeinsam mit verschiedenen Partnern beschäftigt sich die ALPHA gGmbH im Rahmen des Forschungsprojektes „JUsT-in-Time-Assistance“ (JUTTA) als Konsortialführerin mit der Frage, wie Technik in der ambulanten Pflege sinnvoll eingesetzt werden kann.
„Der demografische Wandel führt dazu, dass es in der Zukunft immer mehr ältere Menschen und einen großen Mangel an qualifizierten Pflegekräften geben wird“, erklärt Juliane Salehin, Koordinatorin des Forschungsprojektes. Die „JUsT-in-Time-Assistance“ solle dabei helfen, Unterstützungs- und Pflegeleistungen zu individualisieren und an dem aktuellen Betreuungsbedarf zu orientieren.
„Die zentrale Frage ist, ob die aktuelle Betreuung ausreicht, oder ob ein Mensch vielleicht noch mehr oder andere Unterstützung braucht“, erklärt Salehin. Um dies herauszufinden sollen zukünftig Sensoren, die an den Betten, auf dem Boden oder gar im Kühlschrank angebracht werden können, Informationen über das Verhalten der Klientinnen und Klienten geben. „Auf diese Weise können wir früh erkennen, wenn jemand kaum mehr sein Bett verlässt, nur noch wenig isst oder gar gestürzt ist“, betont die Projektleiterin. Dies ermögliche dem Pflegedienst, seine Tourenplanung den neuen Bedürfnissen zeitnah anzupassen oder im Notfall sofort zu reagieren – „Just in time“, also rechtzeitig.
Eine weitere Komponente des Betreuungskonzeptes, dessen Entwicklung das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit einem Volumen von rund 1,1 Millionen Euro fördert, ist die so genannte „Quartiersversorgung“. „Studien bestätigen, dass Menschen möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung bleiben möchten“, erklärt Salehin. Daher seien quartiersbezogene Wohnungsangebote, Pflege- und Betreuungsleistungen wichtige Bausteine von JUTTA.
Ziel ist es laut Werner Piekarek, Geschäftsführer der ALPHA gGmbH, erstmals ein umfassendes Geschäftsmodell zu entwickeln, in dem verschiedene Akteure wie zum Beispiel Pflege- und medizinisches Personal, aber auch Ehrenamtliche, Nachbarn und Angehörige eine Rolle spielen. „Wenn wir mithilfe der Sensortechnik sehen, dass eine ältere Dame den überwiegenden Teil des Tages im Bett liegt, kann das ein Fall für den Arzt sein“, so Piekarek. „Es wäre aber auch möglich, dass sie sich einsam fühlt – dann sollte man besser einem Angehörigen Bescheid geben.“
Die verschiedenen Informationen, die die eingesetzten Technologien über einen Menschen geben, richtig zu interpretieren ist somit eine große Herausforderung für das Forschungsteam. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass die Technik den Klienten wirklich nützt. „Ausgangspunkt ist für uns immer der Mensch: Nicht die technischen Errungenschaften stehen im Fokus der Überlegungen, sondern die Frage, wie diese den Menschen unterstützen können“, betont Udo Gaden, Geschäftsführer der ambient assisted living GmbH, die JUTTA als Projektpartner begleitet. Im Verbund mit zwei weiteren Partnerunternehmen erforscht das Sozialwerk St. Georg hier, wie die intelligente Nutzung neuester Entwicklungen die Würde des Menschen erhält, das Individuum schützt und die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen soweit wie möglich garantiert. Dazu Vorstandssprecher Czogalla: „Die Umgebung muss sich dem Menschen anpassen – und nicht umgekehrt.“
(Quelle: Sozialwerk St. Georg)
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