11.01.10

OP der Zukunft

Roboter, IT und viel Ergonomie bestimmen den Arbeitsplatz des Chirurgen im 21. Jahrhundert. Wenn da nur nicht die Kosten wären. Experten aus Industrie, Klinik, Wissenschaft und Politik diskutieren Wege aus der Kostenfalle.



Der morgendliche Schritt in den Operationssaal hatte für den Unfallchirurgen Prof. Michael Wich vom Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) lange Zeit etwas dezidiert Ernüchterndes: „Ich arbeitete in einer topmodernen Klinik, in der sich alles veränderte und verbesserte. Nur der Operationstrakt blieb immer gleich.“ Nun ist der Operationstrakt das Herz eines Unfallkrankenhauses. Wenn irgendwo die Moderne Einzug halten müsste, dann doch hier. Gedacht, getan. Wich entwickelte für das ukb die Vision eines „OP der Zukunft“. Prof. Axel Ekkernkamp, ukb-Geschäftsführer und selbst von Hause aus Unfallchirurg, war rasch überzeugt. Im Jahr 2007 schließlich war es so weit: In Berlin nahm einer der modernsten Operationssäle der Republik seinen Betrieb auf.

 

Expertenrunde zum „OP der Zukunft“

 

Das ukb ist in Sachen „OP der Zukunft“ nicht allein auf weiter Flur. Am Universitätsklinikum Aachen beispielsweise werkelt man im Rahmen des Förderprogramms orthoMIT ebenfalls an einem OP-Konzept für Orthopäden des 21. Jahrhunderts. In Lübeck unternimmt das FUSION-Projekt Ähnliches für die Weichteilchirurgie. Und auch Unternehmen wie BrainLAB, Stryker, Karl Storz oder Philips haben sich das Thema auf die Fahnen geschrieben, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, auch mit durchaus unterschiedlichen Definitionen. Zeit also für eine Bestandsaufnahme. Auf Initiative von E-HEALTH-COM fand sich am Berliner ukb eine illustre Expertenrunde ein, die engagiert über Inhalt, Ökonomie, Nutzen und Umsetzbarkeit des „OP der Zukunft“ debattierte.

 

Bei allen Unterschieden im Detail herrschte doch Einigkeit über einige zentrale Komponenten, die den „OP der Zukunft“, Version Oktober 2009, ausmachen. Da ist zum einen das Thema Ergonomie: „Im klassischen OP fehlt es daran ganz gewaltig“, so Wich. So sind Monitore oft an ungünstigen Stellen. Kabel verlaufen am Fußboden und sind damit ein Hindernis. OP-Tische und Liegen sind zu unflexibel.

 

Im „OP der Zukunft“ soll das alles anders werden. Am ukb beispielsweise wurden so gut wie alle Kabel in die Raumarchitektur integriert und die Monitore können so eingestellt werden, dass sie optimal auf die Bedürfnisse des Operateurs abgestimmt sind. Ganz ähnlich in Aachen: „Wir haben als ein Teilprojekt eine situationsangepasste Einstellung des OP-Tischs entwickelt, bei der sich die Tischposition dem Chirurgen in Abhängigkeit vom Operationsfortschritt anpasst. Wir entwickeln außerdem ein Modulsystem, um die nötigen Komponenten einfach zusammenstecken zu können“, berichtete Dr. Kurt Becker von Synagon, das als Beratungsunternehmen an orthoMIT beteiligt ist.

 

Integration bildgebender Verfahren

 

Das zweite zentrale Thema des „OP der Zukunft“ ist die Integration bildgebender Verfahren: „Hier gibt es ein klares Defizit“, betonte Marius van der Meer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Projektträger sowohl von orthoMIT als auch von FUSION in Lübeck. „Es geht darum, die wachsende Zahl an Modalitäten dem Chirurgen nicht unsortiert zu überlassen, sondern sie so zu koordinieren, dass es eine echte Hilfestellung ist.“

 

Reichlich praktische Erfahrungen gesammelt hat man mit diesem Thema bei der Industrie: „Vor zehn, zwölf Jahren wollten plötzlich viele Kliniken CT- und Kernspin-Geräte im OP haben. Das war alles nicht wirklich erfolgreich. Es reicht eben nicht, ein Gerät zu kaufen und es in den OP zu stellen“, betont Dominik Schäfer von BrainLAB, einem Unternehmen, das sich unter anderem mit der Ausstattung von OP-Sälen mit intraoperativer Bildgebung einen Namen gemacht hat. BrainLAB bietet integrierte Lösungen an, die prä- und intraoperative Bildgebung und Navigation eng miteinander verzahnen. Das funktioniert: „Der größte Engpass im OP ist die Zeit des Chirurgen, und die versuchen wir dank optimal kommunizierender Medizingeräte so effektiv wie möglich zu nutzen“, so Schäfer.

 

Einbindung in das Krankenhausumfeld

 

Die dritte Komponente vieler Zukunfts-OPs schließlich ist die Integration des OP-Trakts in das weitere Krankenhausumfeld. „Der OP der Zukunft hört nicht an der OP-Tür auf“, brachte es Dr.-Ing. Sebastian Wibbeling vom Fraunhofer IML auf den Punkt. In der digitalen und organisatorischen Vernetzung zwischen OP und anderen Krankenhausabteilungen sieht er erhebliche Synergiepotentiale. Das fängt schon bei der Planung des morgendlichen OP-Beginns an. Wenn in einem großen OP-Trakt mit 18 Sälen überall um Punkt 8 Uhr Schnitt ist, führt das auch in einem „OP der Zukunft“ regelmäßig zu logistischen Problemen, wenn alle Patienten über die gleiche Schleuse kommen. Genauso beim Wechsel von einem Patienten auf den nächsten: Auch modernste Medizintechnik steht nur rum, wenn die Patienten nicht pünktlich da sind oder nicht adäquat vorbereitet werden.

 

IT-Lösungen können hier helfen: „Für sehr interessant halten wir beispielsweise Konzepte, bei denen die Abläufe im OP in silico simuliert werden, um Schwachstellen aufzuzeigen“, so Wibbeling. Auch beim Bundesforschungsministerium will man sich in nächster Zeit verstärkt diesem Thema widmen. Für die ersten hundert Tage der neuen Bundesregierung steht die Erstellung eines Aktionsplans Medizintechnik an: „Da geht es unter anderem darum, wie Klinikworkflows patientenindividuell modelliert werden können, um den Weg des Patienten zu den unterschiedlichen Abteilungen und Gerätschaften möglichst reibungsfrei zu gestalten“, sagte Marius van der Meer. Ziel ist es letztlich, die Leerlaufzeiten möglichst gering zu halten.

 

Bessere Auslastung und kürzere OP-Zeiten

 

„Weniger Leerlauf“ ist überhaupt eine der großen Hoffnungen, die sich mit dem „OP der Zukunft“ aus Sicht der Klinikverwaltungen verbinden. Denn klar ist: Die erheblichen Investitionen in mehr OP-Technik und aufwendige IT müssen sich irgendwie rechnen. Die Verringerung der Leerlaufzeiten ist da eine wichtige Stellschraube, wie der langjährige Verwaltungsdirektor der Berliner Charité, Prof. Bernhard Motzkus, betonte: „Selbst die Spitzenreiter liegen bei den Nutzungsraten ihrer OPs nur bei etwa 50 Prozent. Da wird Geld in großem Umfang verschleudert.“ Dass sich ein „OP der Zukunft“ alleine durch die deutlich kürzeren Reinigungszeiten für Kliniken bezahlt macht, daran zweifelt Motzkus keine Sekunde: „Da ist jederzeit eine zusätzliche Operation am Tag möglich.“ Mehr Operationen gleich mehr Geld aus dem DRG-System. Einfache Rechnung.

 

Neben der Leerlaufzeit ist die OP-Dauer die zweite wirtschaftlich interessante Größe. Auch hier gilt: Je kürzer die OP, desto mehr kann operiert werden. Dr. Dirk Stengel, Chirurg und Epidemiologe am Zentrum für Klinische Forschung des ukb, konnte über erste positive Erfahrungen berichten: „Vor allem bei der vorderen Kreuzbandplastik kommt es zu einer signifikanten Reduktion der mittleren OP-Zeit.“ Auch beim orthoMIT-Projekt setzt man auf schnelle Operationen.




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