Jürgen Reyinger: Gesundheitsregionen sind treibende Kraft für eHealth in Europa
Wer von eHealth redet, meint oft das Versenden digitaler Arztbriefe oder das Ausstellen digitaler Rezepte. Doch die Königsdisziplin in Sachen eHealth ist die vernetzte Bildgebung. Wie schätzen Spitzenmanager diese Entwicklung ein? Im Vorfeld des 91. Deutschen Röntgenkongresses sprach HealthTech Wire mit Jürgen Reyinger, Geschäftsführer bei GE Healthcare IT für Europa, den Mittleren Osten und Afrika. Reyinger erklärt, warum der Konzern auf eHealth setzt, welchen Einfluss neue Versorgungsnetze auf das Design von PACS-Lösungen haben und weshalb in Europa den Gesundheitsregionen die Zukunft gehört.
Seit einiger Zeit kümmert sich das Unternehmen GE Healthcare verstärkt um eHealth-Lösungen. Was war der Anlass für die Etablierung dieses neuen Schwerpunkts?
Das ist ganz klar durch die Nachfrage getrieben. Überall in der industrialisierten Welt werden in den Gesundheitssystemen die Mittel knapper und gerade in der Radiologie gibt es vielerorts einen Mangel an qualifiziertem Fachpersonal. Da liegt der Gedanke nahe, Standorte besser zu vernetzen, um so bei gleicher oder sogar besserer Versorgungsqualität Kosten einzusparen. Gute Lösungen dafür gibt es bisher aber noch nicht besonders viele. Die Realität sind Insellösungen mit wenig oder keiner Vernetzung. Hier setzen wir an.
Wie sehen eHealth-Installationen im Imaging-Umfeld ganz konkret aus?
Es ist interessant, dass das Imaging in Europa in vielen Fällen am Anfang der eHealth-Bemühungen steht. Da gibt es offensichtlich einen echten Bedarf. Das liegt auch auf der Hand: Fast alle radiologischen Einrichtungen verfügen heute über PAC-Systeme. Aber sobald es darum geht, die eigene Insel zu verlassen, müssen CDs gebrannt oder ähnlich umständliche Dinge getan werden. Da fangen die Probleme an. Mit Image Exchange Networks gehört das alles der Vergangenheit an. Konkret gehen Vernetzungsprojekte in diesem Bereich meist von Regionen aus, in denen enger kooperiert werden soll. Solche Regionen wurden vielerorts in Europa in den letzten Jahren geschaffen, wie etwa in Dänemark oder Spanien. Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme zu machen: Welche PAC-Systeme werden von den beteiligten Einrichtungen genutzt? Sind die Systeme noch zeitgemäß? Wenn ja, kommt es zu regionalen Ausschreibungen, wobei hier ganz unterschiedliche Bedürfnisse abgedeckt werden können. Es ist zum Beispiel möglich, einzelne Standorte innerhalb eines solchen Netzwerks mit gehosteten Lösungen zu versorgen. Damit erübrigt sich die Investition in ein eigenes PACS.
Sind eHealth-Lösungen für einen Imaging-Konzern heute schon ein echtes Geschäftsfeld?
Eindeutig ja. Wir haben den Geschäftsbereich eHealth zwar erst im vergangenen Jahr gegründet, aber da geht schon jetzt die Post ab. In den letzten Monaten haben wir unter anderem regionale Vernetzungsprojekte in Ägypten, in West-Schweden, als auch ein Projekt zur Vernetzung der Krankenhäuser im Großraum Paris gewonnen. In diesem Jahr werden eHealth-Lösungen bei uns einen Umsatzanteil von etwa 10 Prozent haben. Wir gehen davon aus, dass das in den nächsten Jahren auf 30 bis 40 Prozent steigt. Ganz aktuell haben wir zusammen mit unserem Partner ICW ein großes Vernetzungsprojekt in Wales gewonnen. Hier sind sieben RIS/PAC-Systeme unterschiedlicher Anbieter im Einsatz, die wir über ein zentrales, XDS-basiertes Archiv vernetzen. Dank IHE-XDS wird dieses System künftig auch über die Radiologie hinaus Einsatz finden können, etwa für eine netzweite Bereitstellung von Laborwerten oder OP-Berichten.
Das XDS-Archiv, das in Wales zum Einsatz kommt, wird von GE Healthcare beim 91. Deutschen Röntgenkongress erstmalig in Deutschland vorgestellt. Was ist das Besondere an diesem Archiv?
Das Besondere daran ist, dass es genau für jene vernetzten Versorgungsszenarien optimal geeignet ist, über die wir hier sprechen. Es beherrscht IHE-XDS und IHE-XDS-I. Es speichert DICOM- und non-DICOM-Bilder, aber auch alle anderen Arten klinischer Dokumente. Es bietet die Möglichkeit, DICOM-Fremdarchive durch Query Spanning einzubinden, ohne dass die Daten migriert werden müssen. Eine ganz zentrale Komponente ist schließlich der Image Lifetime Manager, über den der Nutzer steuern kann, welche Dokumente wann und wie hoch komprimiert werden, ab welchem Zeitraum eine verlustbehaftete Kompression erlaubt ist und wann Daten in langsamere Zugriffsbereiche verschoben oder auch komplett gelöscht werden dürfen.
Welchen Einfluss hat das Paradigma der Image Exchange Networks auf die PAC-Systeme?
Das Aufkommen vernetzter Szenarien geht Hand in Hand mit erheblichen Veränderungen im PACS-Bereich. Image Exchange Networks lassen sich letztlich nur mit web-basierten PAC-Systemen und auf Basis von Streaming-Technologie vernünftig umsetzen. GE hat diesen Wandel vollzogen und bietet seit einem Jahr die neueste Version des Centricity PACS als webbasierte Lösung an. Das Interesse der Kunden ist sehr groß: Wir haben im ersten Jahr allein in Europa 100 solcher Systeme verkauft, davon etwa 30 in Deutschland. Ergänzt wird das webbasierte PACS durch das Centricity Portal, das standortübergreifendes Arbeiten ermöglicht, zum Beispiel die Befundung im Rahmen von Tumorkonferenzen. Schließlich bieten wir dazu passend auch noch Business Intelligence-Lösungen an, um beispielsweise Qualitätssicherungsszenarien abzubilden oder den Durchsatz getrennt nach Standorten auszuwerten.
Sie haben gesagt, dass sich die Regionen in vielen Ländern Europas als die treibenden Kräfte herauskristallisieren. Wer ist Ihr Ansprechpartner in Deutschland?
In Deutschland ist in der Tat einiges schwieriger als in vielen anderen Ländern, weil die Regionen als Auftraggeber fehlen. Unsere Ansprechpartner sind deswegen im Moment in erster Linie Klinikgruppen, private Ketten, aber auch städtische Krankenhäuser mit mehreren Standorten, beispielsweise die Städtischen Kliniken München. Ich denke schon, dass das deutsche Gesundheitswesen mittelfristig einen etwas anderen Weg einschlagen und sich stärker in regionalen Verbünden organisieren sollte.
Herr Reyinger, vielen Dank für das Gespräch. (HTW)
In Kooperation mit HealthTech Wire (HTW)
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