Editorial


Der Buchautor Michael Ende ließ in seiner im Jahr 1981 uraufgeführten Kinderoper „Tranquilla Trampeltreu“ eine kleine Schildkröte sich auf den Weg zur Hochzeit des großen Tierkönigs Leo des Achtundzwanzigsten machen. Die Schildkröte wird von nahezu jedem Tier, dem sie begegnet, verspottet mit dem Hinweis, dass sie ohnehin nicht pünktlich ankommen werde. Die sture Tranquilla freilich lässt sich nicht beirren und antwortet auf die wiederkehrende Frage, wie sie es denn jemals
zur Hochzeit schaffen wolle, stoisch „Schritt für Schritt“.

Auf dem Weg zur Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens gibt es keine Abkürzung
Das deutsche Gesundheitswesen kann einen an diese Schildkröte erinnern. Es stürzt sich nicht hektisch auf neue Ziele, sondern nähert sich schrittweise. An Abkürzungen glaubt man nicht. Das aktuelle Beispiel ist die Landesärztekammer Baden-Württemberg, die das Tor für die Fernbehandlung nach Jahren der Diskussion dezent öffnet. Nicht dass sich über Nacht etwas ändern wird. Die Entscheidung ist ein Tippelschritt. Es wird Anträge geben und lange Evaluationen. Aber das Ziel „Fernbehandlung“ ist vor Augen, und am Ende wird wohl etwas Funktionierendes dabei herauskommen.

Auch das Interoperabilitätsverzeichnis ist ein solcher Tippelschritt. Auch hier gibt es Stimmen, denen es nicht weit und schnell genug geht. Aber: Es hat dazu beigetragen, dass es bei den Standards zum Medikationsplan zu einer Einigung kam, die kaum einer für möglich gehalten hatte.

Die Pointe an der Geschichte von Tranquilla Trampeltreu ist, dass die Hochzeit von Leo dem Achtundzwanzigsten am Ende gar nicht stattfindet, weil er zwischenzeitlich verstirbt. Dafür ist die Schildkröte pünktlich zur Hochzeit von Leo dem Neunundzwanzigsten. Bei Zielen nicht zu früh festlegen, auch das lehrt Tranquilla Trampeltreu.

Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM